Bürohunde: Wenn der beste Freund des Menschen mit zur Arbeit kommt

Lou, die kleine Bolonka-Hündin, schläft in ihrem Kistchen, begrüsst Kunden im Concept Store „The alp artists“ in Adelboden und sorgt im Büro für entspanntere Stimmung. Für ihre Besitzerin Ursula ist sie längst mehr als nur ein Hund, der mit zur Arbeit kommt. Lou ist Teil des Alltags – und manchmal sogar Feelgood-Manager, Eisbrecher und Angstnehmerin in einem. Damit Lou so intensiv in Ursulas Alltag eingebunden werden kann, müssen mehrere Faktoren zusammenpassen – und wie das gelingt, erfährst du in diesem Blogartikel. Der Besuch in Adelboden bei Ursula und Lou war Teil meines Fotoprojekts über arbeitende Hunde.
So unkompliziert es bei Lou heute aussieht: Ein Hund wird nicht einfach über Nacht zum Bürohund. Nicht jeder Hund eignet sich dafür, und auch Unternehmen müssen sich Gedanken machen, bevor sie ihre Türen für vierbeinige Mitarbeitende öffnen.
Für mein Projekt über arbeitende Hunde habe ich mit Ursula, der Besitzerin der Bolonka-Hündin Lou, und mit Tina, Gründerin von „Bürohunde Schweiz“, gesprochen. Ihre Erfahrungen zeigen, was einen guten Bürohund ausmacht und warum Hunde am Arbeitsplatz weit mehr bewirken können, als einfach nur unter dem Schreibtisch zu schlafen.
Was ist eigentlich ein Bürohund?
Ein Bürohund ist ein Hund, der seinen Menschen zur Arbeit begleitet. Dabei muss es nicht zwingend ein klassisches Büro sein. Tina von „Bürohunde Schweiz“ fasst es weiter:
Ein Bürohund ist ein Begleiter zur Arbeit des Menschen. Er hat dabei keine spezielle Aufgabe wie beispielsweise ein Blinden- oder Assistenzhund.
Ein Hund kann also im Büro liegen, in einem Laden dabei sein oder sogar seinen Menschen in einem Lieferwagen begleiten. Entscheidend ist: Der Hund kommt mit zur Arbeit und begleitet seinen Menschen durch dessen Arbeitsalltag.
Tina, Gründerin von „Bürohunde Schweiz„
Lou: Bürohund seit dem Welpenalter
Lou wurde am 24. März 2021 geboren und kam mit zehn Wochen zu Ursula. Eigentlich war von Anfang an klar, dass der Hund möglichst viel am gemeinsamen Leben teilnehmen sollte. Ursula und ihr Partner arbeiten beide Vollzeit. Für sie war es deshalb wichtig, dass ein zukünftiger Hund nicht ständig zu Hause bleiben musste.
Doch Lou wurde nicht einfach am ersten Tag für acht Stunden ins Büro mitgenommen. Der Einstieg erfolgte Schritt für Schritt. Zunächst verbrachte Lou etwa zwei Stunden im Büro. Dann wurde die Zeit langsam auf einen halben und später auf einen ganzen Tag gesteigert.
Anfangs stand sie noch jedes Mal auf, wenn Ursula aufstand. Mit der Zeit lernte sie aber, dass sie auch liegen bleiben und entspannen kann.
Ursula merkte schnell: Lou scheint das Büroleben nicht zu stressen. Im Gegenteil. Solange sie bei ihren Menschen sein kann, fühlt sie sich offenbar wohl.
Heute begleitet Lou Ursula sowohl ins Büro bei Beosolar als auch in ihren Laden, den Concept Store „The alp artists“.
Ein Arbeitstag, der ziemlich entspannt beginnt
Lou ist nach Aussage ihrer Besitzerin ein echter Langschläfer, ganz wie Ursula selbst. Der Morgen beginnt deshalb gemütlich. Nach einer ersten kurzen Runde mit Ursulas Partner darf Lou nochmals ins Bett. Später wird gemeinsam gefrühstückt und Ursula macht sich für den Tag bereit. Lou schläft dann gerne noch eine Runde. Anschliessend geht es rund 15 Minuten zu Fuss zum Concept Store.
Im Laden angekommen, hat Lou ihren festen Platz: ein Kistchen, in das sie sich zurückziehen und schlafen kann. Dort verbringt sie einen grossen Teil ihres Vormittags.
Über Mittag ist der Laden geschlossen. Dann gehört die Zeit Lou. Ursula geht mit ihr spazieren, mal zum Bach, mal in den Wald oder auf eine grosse Wiese, auf der Lou rennen kann. Nach einer ausgedehnten Mittagspause geht es zurück an die Arbeit.
Und so sieht ein normaler Arbeitstag für Lou oft aus: Schlafen, spazieren, beobachten, wieder schlafen. Ganz so ruhig ist es allerdings nicht immer.
Manchmal kommen Kunden vorbei, die sich besonders über Lou freuen. Kürzlich besuchte eine Familie mit zwei Kindern den Laden – und die Kinder hatten so viel Freude an Lou, dass sie während ihres Ferienaufenthalts in Adelboden täglich vorbeikamen, um sie zu besuchen.
Eisbrecher Lou
Die Reaktionen der Kunden auf Lou sind überwiegend positiv. Viele Menschen freuen sich, wenn die kleine Bolonka-Hündin langsam um die Ecke kommt und sie begrüsst. Dabei passiert etwas, das Ursula besonders gerne beobachtet: Der Hund bringt Menschen miteinander ins Gespräch.
Plötzlich erzählen Kunden von ihren eigenen Hunden, von früheren Haustieren oder von gemeinsamen Erlebnissen.
Lou schafft eine Verbindung. „Sie ist ein Eisbrecher“, sagt Ursula.
Gerade in einem Laden kann das eine ganz besondere Wirkung haben. Der Hund wird zu einem natürlichen Gesprächsthema und schafft eine persönliche, entspannte Atmosphäre.
Aber auch im Büro übernimmt Lou eine besondere Rolle. Ursula beschreibt sie manchmal scherzhaft als Feelgood-Manager. Wenn Lou entspannt daliegt, scheint auch die Atmosphäre ruhiger zu werden. Sie sorgt für kleine lustige Momente, über die man gemeinsam lachen kann. Und manchmal reicht allein ihre ruhige Anwesenheit aus, um etwas Druck aus einer Situation zu nehmen.
Die kleine Hündin, die jemandem die Angst vor Hunden nahm
Eine besonders schöne Geschichte hat Ursula aus ihrem Büroalltag bei Beosolar in Erinnerung. Eine Arbeitskollegin hatte wenig Erfahrung mit Hunden und mochte es zunächst nicht, wenn Lou zu ihr kam. Doch ausgerechnet diese Kollegin hatte es Lou besonders angetan. Lou wartete regelrecht auf sie. Über Wochen und Monate näherten sich die beiden langsam an. Ohne Druck, ganz behutsam. Irgendwann hatte sich ihre Beziehung so sehr verändert, dass die Kollegin zu Ursula sagte, sie dürfe Lou gerne zu ihr bringen, falls sie einmal einen Hundesitter brauche.
Heute schaut Lou im Büro oft zuerst nach, ob ihre Kollegin da ist. Diese hat sogar ein Hundebettchen und einen Napf bei ihrem Arbeitsplatz bereitgestellt.
Für Ursula zeigt diese Geschichte eine besondere Stärke ihrer Hündin: Lou kann sich Menschen vorsichtig nähern und scheint ein gutes Gespür dafür zu haben, wie viel Nähe gerade möglich ist.
Ein Bürohund braucht nicht nur einen Arbeitsplatz
Damit ein Hund entspannt mit zur Arbeit kommen kann, braucht er einen geeigneten Platz. Bei Lou gehören Wasser und ein fester Rückzugsort zur Grundausstattung. Ursula hat sich im Concept Store für eine Stoffbox entschieden, weil Lou es liebt, in einer geschützten Ecke oder unter etwas zu liegen. Diese Box ist ausschliesslich Lous Bereich. Niemand geht einfach hinein oder stört sie dort. Wenn sie Ruhe möchte, kann sie sich zurückziehen.
Je nach Hund kann ein solcher Rückzugsort ganz unterschiedlich aussehen. Manche Hunde fühlen sich in einer Box wohl, andere bevorzugen ein Hundebett oder einen Teppich in einer ruhigen Ecke. Wichtig ist, dass der Hund einen Ort hat, an dem er nicht ständig angesprochen, gestreichelt oder beobachtet wird.
Nicht jeder Hund eignet sich als Bürohund
So harmonisch Lous Alltag heute funktioniert, gibt es auch bei ihr Herausforderungen. Lou betrachtet den Laden und teilweise auch das Büro als ihr Revier. Läuft jemand vorbei oder taucht ein anderer Hund auf, kann es passieren, dass sie bellt. Besonders herausfordernd ist es, wenn fremde Hunde den Laden betreten. Daran wird weiterhin gearbeitet. Doch genau das zeigt auch: Ein Bürohund muss nicht perfekt sein.
Es geht nicht darum, einen Hund zu haben, der niemals bellt, niemals aufsteht oder den ganzen Tag bewegungslos unter einem Schreibtisch liegt. Viel wichtiger ist, dass man den Hund gut kennt, seine Bedürfnisse ernst nimmt und bereit ist, an Herausforderungen zu arbeiten. Und man muss ehrlich bleiben: Nicht jeder Hund ist für das Leben am Arbeitsplatz gemacht.
Was muss ein guter Bürohund können?
Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich Tina, Gründerin von „Bürohunde Schweiz“. Sie bietet einerseits Unterstützung für Menschen an, die ihren eigenen Hund mit zur Arbeit nehmen möchten. Andererseits berät sie Unternehmen, die Bürohunde einführen wollen. Tina weiss aus eigener Erfahrung, wie wertvoll ein Hund im Arbeitsalltag sein kann. Sie hatte selbst Bürohunde und arbeitete im HR. Einer ihrer Hunde war gleichzeitig auch Therapiehund. Doch sie weiss auch: Ohne Vorbereitung kann die Idee vom Bürohund schnell scheitern.
Ein geeigneter Bürohund sollte unter anderem lernen können:
- zur Ruhe zu kommen
- sich zurückzunehmen
- eine gewisse Zeit an seinem Platz zu bleiben
- seine Bedürfnisse angemessen zu zeigen
- mit Menschen und der Umgebung umgehen zu können
Dabei geht es nicht nur um die Ausbildung des Hundes. Auch der Mensch muss lernen, Verantwortung für seinen Hund am Arbeitsplatz zu übernehmen.
Klare Regeln statt „wir schauen einfach mal“
Für Tina ist eines besonders wichtig: Klare Regeln. Gerade in grösseren Unternehmen reicht es nicht, einfach zu sagen: „Bring deinen Hund doch mal mit.“ Es muss klar sein, wer seinen Hund wann mitnehmen darf, wo sich die Hunde aufhalten dürfen und welche Bereiche für sie zugänglich sind. Dürfen Hunde in die Cafeteria? In jedes Büro? Was passiert, wenn mehrere Hunde gleichzeitig da sind?
Auch die Bedürfnisse von Mitarbeitenden ohne Hund müssen berücksichtigt werden. Es kann Menschen mit Allergien geben, Menschen mit Angst vor Hunden oder Mitarbeitende, die einfach nicht möchten, dass ein Hund an ihrem Arbeitsplatz ist.
Tina beobachtet deshalb immer wieder, dass Bürohunde vor allem dann Schwierigkeiten verursachen, wenn es keine klaren Regeln gibt.
Das Motto „Wir probieren einfach mal und schauen dann“ kann funktionieren -muss es aber nicht. Und wenn es zu einem Vorfall kommt, besteht die Gefahr, dass am Ende alle Hunde verboten werden.
Das Ziel sollte deshalb sein, eine Lösung zu schaffen, von der der Hund, sein Mensch, die anderen Mitarbeitenden und das Unternehmen profitieren.
Wau-Effekt: Was Hunde im Unternehmen verändern können
„Bürohunde – Benefit mit Wau-Effekt“ ist der Slogan von Tina. Doch was ist dieser Wau-Effekt eigentlich?
Für Tina liegt er vor allem in der Wirkung, die ein Hund auf die Stimmung im Raum haben kann.
Aus ihrer Zeit im HR erinnert sie sich an schwierige Gespräche: Kündigungen, Verwarnungen und emotional belastende Situationen. Manchmal durfte ihr Hund dabei sein. Wenn er dann mit Erlaubnis seinen Kopf auf die Beine einer betroffenen Person legte und sich diese Person einfach mit dem Hund beschäftigen konnte, veränderte sich die Atmosphäre. Auch nach anstrengenden Sitzungen konnte ein gemeinsamer Spaziergang mit dem Hund helfen, durchzuatmen und kurz Abstand zu gewinnen.
Ein Hund kann ein Büro nicht einfach in einen Ort ohne Stress verwandeln. Aber er kann kleine Momente schaffen, die guttun.
Er bringt Bewegung in den Alltag. Er kann Gespräche anregen. Er kann Menschen zum Lachen bringen. Und manchmal erinnert er die Menschen daran, eine Pause zu machen.
Wer einen Bürohund möchte, sollte frühzeitig planen
Der Wunsch nach einem Hund und die Vorstellung, ihn einfach mit zur Arbeit nehmen zu können, sind zwei verschiedene Dinge. Tina rät deshalb davon ab, zuerst einen Hund anzuschaffen und den Arbeitgeber danach vor vollendete Tatsachen zu stellen. Besser ist es, frühzeitig das Gespräch zu suchen: Mit dem Arbeitgeber und mit dem Team, das direkt betroffen ist.
Wer einen konkreten Vorschlag macht, zeigt, dass er sich Gedanken gemacht hat.
Wie soll der Hund im Büro untergebracht werden? Welche Ausbildung erhält er? Wie wird die Eingewöhnung gestaltet? Gibt es einen Rückzugsort? Wer übernimmt die Verantwortung?
Auch bei einem Welpen sollte nicht erwartet werden, dass er vom ersten Arbeitstag an stundenlang ruhig an seinem Platz liegt. Das Beispiel von Lou zeigt, wie sinnvoll ein schrittweises Vorgehen sein kann. Zuerst zwei Stunden. Dann ein halber Tag. Später ein ganzer Tag. Der Hund darf lernen.
Und wenn der Hund noch gar nicht da ist?
Wer sich einen Hund anschaffen möchte und weiss, dass die Möglichkeit eines Bürohundes für die eigene Zukunft entscheidend ist, sollte dies laut Tina auch bei der Jobsuche berücksichtigen. Wenn es ein absolutes Muss ist, den Hund mit zur Arbeit nehmen zu können, kann es sinnvoll sein, das bereits in der Bewerbung offen anzusprechen. Tina erinnert sich aus ihrer HR-Zeit sogar an eine Bewerbung mit dem Titel: „Hund mit Frauchen sucht Arbeit.“ Das fällt natürlich auf, kann je nach Unternehmen aber auch dazu führen, dass man nicht für die Stelle infrage kommt. Letztlich ist ein Hund eine langfristige Lebensentscheidung. Deshalb lohnt es sich, bereits im Voraus zu überlegen, wie der gemeinsame Alltag während der Arbeitszeit aussehen soll.
Ein Gewinn, wenn es für alle stimmt
Lou verbringt ihren Alltag dort, wo ihre Menschen sind. Sie begleitet Ursula ins Büro und in den Laden, schläft in ihrem Kistchen, geht spazieren, begrüsst Menschen und sorgt manchmal für ein bisschen Unterhaltung. Für Ursula ist genau das einer der grössten Vorteile:
„Ihr Schönstes ist einfach, wenn sie bei uns sein kann.“ Doch die Geschichte von Lou zeigt auch etwas Wichtiges: Es hat Zeit gebraucht. Sie musste lernen, auf ihrem Platz zu bleiben. Sie musste üben, nicht jeden Kunden oder jeden Hund sofort zu kontrollieren. Und ihre Menschen mussten herausfinden, was für sie funktioniert.
Ein Bürohund ist deshalb keine allgemeingültige Lösung für alle Hunde und alle Arbeitsplätze.
Aber wenn der Hund dafür geeignet ist, die Einführung langsam erfolgt und ein Unternehmen klare Rahmenbedingungen schafft, kann ein Hund am Arbeitsplatz eine echte Bereicherung sein.
Vielleicht liegt der grösste Wau-Effekt nämlich genau darin: Ein Hund arbeitet nicht wirklich mit. Und trotzdem verändert er manchmal alles.
Über die Interviewpartnerinnen
Ursula arbeitet bei Beosolar und führt den Concept Store „The alp artists“. Ihre Bolonka-Hündin Lou, geboren am 24. März 2021, begleitet sie seit dem Welpenalter regelmässig zur Arbeit in den Laden und ins Büro.
Tina ist die Gründerin von „Bürohunde Schweiz„. Sie unterstützt Hundehalterinnen und Hundehalter bei der Ausbildung zum Bürohund und berät Unternehmen, die Hunde nachhaltig und verantwortungsvoll in ihren Arbeitsalltag integrieren möchten.
Mein Fazit
Die Gespräche mit Ursula und Tina haben mir gezeigt, dass ein Bürohund weit mehr sein kann als einfach ein Hund, der seinen Menschen zur Arbeit begleitet. Lou ist ein schönes Beispiel dafür: Sie bringt Ruhe, schafft Begegnungen, sorgt für kleine schöne Momente und ist einfach Teil des Alltags. Gleichzeitig braucht es für einen entspannten Büroalltag mehr als nur einen hundefreundlichen Arbeitsplatz. Der Hund muss sich wohlfühlen, Rückzugsmöglichkeiten haben und lernen dürfen – und auch die Bedürfnisse der Menschen müssen berücksichtigt werden. Wenn all das stimmt, kann ein Bürohund eine wunderbare Bereicherung sein. Denn manchmal muss ein Hund gar nichts Besonderes tun – es reicht, dass er einfach da ist.
Fotoprojekt über arbeitende Hunde
Ich stelle Hunde mit einem Job in den Fokus und begleite sie bei ihrer Arbeit – sei es bei der Jagd, im Rettungseinsatz, als Therapiehund oder in vielen weiteren spannenden Bereichen. Ich möchte mit dem Projekt zeigen, wie vielfältig, verantwortungsvoll und beeindruckend die Aufgaben sind, die Hunde gemeinsam mit ihren Menschen erfüllen.